Von Karlheinz Reimann, geschrieben im Juni 2023.

Im September 1966 - vor 57 Jahren - zeigte die DDR erstmals im Ausland ihre universell einsetzbare elektronische Datenverarbeitungsanlage R300 mit kompletter Peripherie, bestehend aus  Lochkartenstanz- und Leseeinheit, Lochstreifengeräten, Schnelldrucker und Magnetbandgeräten. Mit der maschinellen Verarbeitung großer Datenmengen konnten Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft der DDR auf ein völlig neues Niveau gehoben werden.

Marktanalyse und  Systemkonzeption der volltransistorisierten Rechenanlage waren die Leistung von Rolf Kutschbach, er war der „geistige Vater der R300" im VEB Elektronische Rechenmaschinen Karl-Marx-Stadt (später Robotron). Dabei war er von der Erfolgsgeschichte der damals im Westen meist verkauften Rechenanlage IBM 1401 inspiriert. Es war anfangs sehr schwierig, innovative Ideen, die auch erhebliche Investitionen erforderten, „von unten“ gegen die Bedenkenträger übergeordneter Leitungsebenen zum Durchbruch zu bringen. So ging im Vorfeld viel Zeit verloren und das Projekt hätte auch scheitern können. Erst 1964 mit einem „Ministerratsbeschluss zur Einführung der Datenverarbeitung in der DDR“ wurden die Hemmnisse beseitigt. Nun wurde mit viel Personal fast zwei Jahre lang im Dreischichtbetrieb am Bau und der Erprobung von zwei Funktionsmustern gearbeitet. Die Geschwindigkeit unserer EDVA mit 5000 Operationen pro Sekunde sowie eine Speichergröße von 10.000 (später erweitert 40.000) 8-bit-Zeichen waren aus heutiger Sicht sehr bescheiden. Die DDR lag damit nur etwa vier Jahre hinter der Weltspitze zurück, war aber im sozialistischen Wirtschaftsgebiet Vorreiter.


Bedienkonsole

Bedienkonsole der EDVA  R300. Dahinter aus Frankreich importierte Magnetandgeräte mit Schwinghebelmechanismus, die durch Geräte von Zeiss Jena mit Vakuumschacht abgelöst wurden.                        (Bild: Karlheinz Reimann)

 

LSE

Lochkartenstanz- und Leseeinheit der R300  mit einer Leistung von 300 Lochkarten pro Minute, im Bild  Manfred Vogel.        (Bild: Karlheinz Reimann)

 

Drucker

Paralleldrucker der R300. Pro Minute konnten 400 Zeilen mit 156 Zeichen in der Zeile gedruckt werden. Im Bild Karlheinz Reimann (links) und Projektleiter Günter Laskowski (rechts).     (Bild: Karlheinz Reimann)

Als ich im Herbst 1963 als Hochschulabsolvent meine Arbeit im VEB Elektronische Rechenmaschinen Karl-Marx-Stadt begann, geriet ich sofort in den Aufwind dieser Entwicklung.  Meine ersten Arbeiten waren Entwicklungen zur Leistungselektronik für den Schnelldrucker, dessen  Konstruktion und Mechanik vom VEB Büromaschinenwerk Sömmerda kam. Die leicht gewellte Druckzeile, weil mit einer rotierenden Typenwalze im „fliegenden Druck“ nicht alle Typen einer Zeile exakt auf gleicher Höhe standen, war mein „Verbrechen“, das sich auch auf den Kontoauszügen der Sparkasse Karl-Marx-Stadt bis Anfang der 1990er Jahre erhalten hat. Tröstlich  war, die Ingenieure von Siemens, deren Schnelldrucker uns in der DDR als Vorbild diente, hatten  dieses Problem auch nicht besser lösen können. Die Entwicklung der EDVA R300 erfolgte unter dem Embargo des Westens. Die Produktion von 350 Anlagen in Dresden und Bereitstellung für die Wirtschaft der DDR und den Export war damals ein Meilenstein. Erstmals waren in dieser Anlage auch neuentwickelte Fertigungstechnologien wie vergoldete Steckkontakte, gewickelte Rückverdrahtung (wire wrap) und Flachbandkabel zum Einsatz gekommen. Damit funktionierte die R300 sehr zuverlässig und erwarb sich bald einen Ruf nach dem bekannten Slogan des  legendären VW Käfer „sie läuft und läuft und läuft“ - mancherorts sogar noch nach der Wende 1989.

Im September 1966 wurde die R300 auf der „Interorgtechnika“ in Moskau erstmals für das Ausland präsentiert. Für den Transport unserer Geräte ist zum ersten Mal ein sowjetisches Großraumflugzeug AN-22 mit seinen  großen Ladeluken in Dresden gelandet. Obwohl erst drei Jahre im Betrieb, durfte ich zur technischen Betreuung unseres Schnelldruckers  in Moskau dabei sein und habe zwei Monate im Hotel „Ostankino“ in der Nähe des Moskauer Fernsehturmes gewohnt.  Durch das eigenständige Leben dort konnte ich meine Russischkenntnisse erheblich erweitern. Die Anreise erfolgte Anfang August über zwei Tage mit dem Zug, zunächst ein zeitaufwändiges Gezuckel durch Polen mit den vielen "Handtuchfeldern". In Brest dann die Umstellung des Zuges auf russische Breitspur. Mit einer Zwillingslok amerikanischer Bauart ging es dann stundenlang ohne Halt mit Tempo 130 durch die schier unendliche  Weite einer wenig bebauten Landschaft, ab und zu unterbrochen durch kleine Wälder. Stundenlang schaute ich aus dem Fenster mit Gedanken an den Krieg. Hätten doch Hitlers Generäle vorher auch so eine Reise als Tourist durch das Land machen sollen, um die Größe Russlands bis Moskau oder Stalingrad besser zu realisieren als am Kartentisch. Dabei liegt Moskau ziemlich weit im Westen dieses riesigen Landes. Die ersehnte Rückreise Anfang Oktober von Moskau nach Berlin in reichlich zwei Stunden war der erste Flug in meinem Leben. Die Ausstellung auf der "Interorgtechnika" war ein großer  Erfolg. Wir fanden großes Interesse und hatten viele Besucher, darunter Fachspezialisten, Botschafter, Minister und Unternehmer auch aus westlichen Ländern. Ingenieure von Siemens, die mit ihrer EDVA Siemens 2002 benachbart auf der Ausstellung waren, staunten über die R300 und einer sagte zu mir: „Mensch, das hätten wir euch nicht zugetraut“.

Eines Tages hieß es plötzlich, morgen bekommen wir hohen Besuch: Leonid Breschnew und Walter Ulbricht besuchen die Messe. Ich hatte am Vormittag keinen Einsatz, war natürlich zum Fotografieren zugegen, als Walter Ulbricht sich von Günter Bezold (siehe auch „In memoriam Belz“ in den „Chemnitzer Geschichten“) die R300 und dabei auch „meinen“ Schnelldrucker erläutern ließ. Als junger Diplomingenieur war ich schon stolz, eine solche Anerkennung unserer Arbeit zu erleben. Am Schluss trug Walter Ulbricht eine Würdigung in unser Tagebuch auf dem Stand ein und mich hinderte niemand, ihn dabei aus zwei Meter Entfernung zu fotografieren:

"Ich beglückwünsche die Wissenschaftler, Ingeneure und Arbeiter zu den bedeutenden Erfolgen. Ich wünsche Ihnen alles Gute.
                                                            11. Sept. 66     W. Ulbricht"

Erst als er den Stand verlassen wollte, hielt  ein "eiserner Arm" mich fest, um Walter Ulbricht den Weg freizuhalten. Spätestens da war mir klar, dass hier auch Sicherheitsleute zugegen sind. Anschließend hatte ich Gelegenheit, die Eintragung von Walter Ulbricht in unserem Tagebuch zu fotografieren.

Walter Ulbricht am Drucker

Günter Bezold erläutert dem DDR-Regierungschef Walter Ulbricht den Schnelldrucker der R300   (Bild: Karlheinz Reimann) 

 

Walter Ulbricht auf unserem Stand

Walter Ulbricht trägt eine Würdigung zur Präsentation der R300 in unser Tagebuch ein.      (Bild: Karlheinz Reimann)

 

Eintragung ins Tagebuch

Bei der Eintragung in unser Tagebuch ist Walter Ulbricht ein kleiner Schreibfehler unterlaufen.  Das Tagebuch wurde zu einem Staatsgeheimnis der DDR.           (Bild: Karlheinz Reimann)

Walter Ulbricht war allein auf unseren Stand gekommen und - wie später durchgesickert ist - vom Rundgang mit  Breschnew ziemlich verärgert. Mit einem Rückstand von vielleicht vier Jahren zur Weltspitze, war die R300 damals die modernste im sozialistischen Wirtschaftsgebiet entwickelte EDVA. Auch wegen der neuen Technologien, über die sowjetische Geräte nicht verfügten, wollte Breschnew unsere Anlage in Moskau behalten. Aber Walter Ulbricht soll darauf bestanden haben: "Zuerst für das eigene Land". Wir hatten zu dieser Zeit nur zwei Funktionsmuster, die für den Anlauf der Produktion in Dresden unentbehrlich waren. Ulbricht war einen halben Vormittag mit Breschnew bei für die Sowjetunion interessanten Firmen aus dem Westen mitgelaufen und wollte anschließend Breschnew die R300 der DDR präsentieren. Aber Breschnew war daran nicht mehr interessiert und hatte sich plötzlich mit Termingründen verabschiedet.

Am nächsten Tag war unser Tagebuch auf dem Stand verschwunden und ist auch niemals wieder aufgetaucht. Bei näherer Betrachtung erkannte ich den Grund: Walter Ulbricht war bei dem Wort „Ingeneure“ ein Schreibfehler unterlaufen. Zum Schutz seines Ansehens hatte die Stasi das Tagebuch konfisziert. Von nun an war ich der Einzige, der dieses Wissen besitzt. Ich habe das Foto fast 60 Jahre genauso verborgen gehalten wie einst die Stasi. Aus Respekt vor dem Alter, der Persönlichkeit und der Erinnerung an ein finanziell sorgenfreies Studium habe ich keine Sekunde daran gedacht, anders zu handeln. Auch wenn ich seine Entscheidung 1961 zum Bau der Mauer mit Minenfeldern und Schießbefehl, weil ihm die Menschen in Scharen davonliefen, wovon auch unsere Familie betroffen war, nicht akzeptieren konnte. Auch wenn mir später vom West-Besuch erzählt wurde, was eine West-Zeitung für diesen Lapsus von Walter Ulbricht wahrscheinlich gezahlt hätte. Heute, nach so langer Zeit, kann ich das  als  amüsante Episode am Rand eines sehr bedeutenden Geschehens preisgeben. Auch weil damals mein Foto vom Tagebuch der allgegenwärtigen Stasi entgangen ist.