von Karlheinz Reimann,

geschrieben im Mail 2014

Niemand spricht vom ehemaligen Deutschen Kaisereich, von der ehemaligen Weimarer Republik oder vom ehemaligen Dritten Reich. Von der ehemaligen DDR wird dagegen auch nach einem Vierteljahrhundert häufig gesprochen oder geschrieben, nicht selten auch von unseren Koryphäen aus Politik und Medienwelt. Das mag oft gedankenlos nachgesprochen oder ein Lapsus im Gebrauch der deutschen Sprache sein. Zuweilen aber auch bedacht abwertend: Ihr wart doch marode und pleite! Warum sagt man nicht einfach DDR? Die Historie ist schließlich hinreichend bekannt.

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von Karlheinz Reimann,

geschrieben im Oktober 2014, aktualisiert im Januar 2019

Dies ist meine Geschichte über den erfolglosen Versuch der Stasi in Karl-Marx-Stadt, mich als IMV, als inoffiziellen Mitarbeiter  mit Feindberührung anzuwerben, ursprünglich geschrieben für die Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen  auf www.bstu.bund.de  unter dem Titel "NEIN-Sager", auch unter Nutzung von Dokumenten der Behörde aus meiner  Akte.

Wieso bin ausgerechnet ich, der sich zuweilen auch nicht mit Kritik am System der DDR zurückhielt, 1974 für die Stasi interessant geworden? Heute bin ich  sicher, dass dies nach einer gut gemeinten Empfehlung zur Förderung meiner beruflichen Karriere geschehen ist. Mein Freund Rudi B. musste um 1969 für seine Tätigkeit beim Rat des Bezirkes Karl-Marx-Stadt  im Abendstudium die mittlere Reife nachholen. Über viele Monate haben wir dafür gemeinsam Stoff und Prüfungsaufgaben  in  Mathematik, Physik und Deutsch geübt. Später hat er mir in einer  brisanten Angelegenheit  eine sehr wichtige  Information aus dem zentralen Speicher der Stasi auf dem Kassberg beschafft - ein  unglaublicher Husarenritt! - mit der ich Verleumdungen und Angriffe aus dem Gemeindeamt (hier saß nach Aktenlage der Stasi viele Jahre ihre munter sprudelnde Quelle) und des SED-Klüngels in Kleinolbersdorf widerlegen konnte. Aber das ist wohl nicht die einzige Dankbarkeit gewesen, die er mir - auch zu seinem Nutzen - erwiesen hat. Fachlich war ich für  Stasi-Leutnant Bernd Walther eine Fundgrube: Spezialist für Elektronik und Datenverarbeitung mit Hochschulabschluss, erfahrener Funker, im gestandenen Alter von 35 Jahren, mit fester Familienbindung, parteilos und zur Tarnung mit umfangreicher Verwandtschaft und Bekanntschaft im Westen. Was er bis dahin noch nicht wusste: Charakterlich war ich völlig ungeeignet. Denn wer bestrebt ist, aufrichtig und ehrlich durchs Leben zu gehen, kann andere Menschen nicht  mit Legenden, Täuschungen und dem ständigen Missbrauch ihres Vertrauens - den alltäglichen Werkzeugen der Stasi - bearbeiten. Und so wurden die Gespräche mit der Stasi  zu einer Enttäuschung für meinen zukünftig vorgesehenen Führungsoffizier Bernd Walther.

Es ist eine Geschichte wie viele andere auch, die erfolglos verlaufen sind, weil die oder der Angesprochene den Mut aufgebracht hat, NEIN zu sagen. Aber  mehr als eine Million Menschen in der DDR und bis 1990 einige Tausend  vor allem in der BRD  sollen nach vorsichtiger Schätzung   zeitweilig - manche über viele Jahre - für ein Salär bereitwillig als Informanten für die Stasi tätig gewesen sein. Von wegen "mit uns hätten sie das nicht machen können"! Ich habe beruflich viele Jahre lang technische Dokumentationen zur Verfügung gehabt, die von einem Mitarbeiter oder dem Leiter eines Rechenzentrums in der BRD den Informationsbeschaffern der Stasi verkauft worden sind, damit Robotron funktionell identisch IBM werden konnte.

Viele dieser Geschichten sind inzwischen vertuscht, verdrängt, verblasst oder vergessen. Weil es meine eigene Geschichte ist, darf ich authentisch davon berichten. Auch 30 Jahre nach dem Mauerfall soll für interessierte Nachgeborene nachlesbar bleiben, wie man in der DDR durch die Stasi auch als unbescholtener Bürger  völlig überraschend in belastende Bedrängnis geraten konnte. Leichtfertig oder arrogant darüber reden kann heute jeder, dem solche Erfahrung  erspart geblieben ist und der seine charakterliche Standfestigkeit damals nicht beweisen musste.

Dennoch fühle ich mich nicht als Opfer der DDR. Stasi-Leutnant Bernd Walther hat mich zunächst fair  behandelt, weitere Maßnahmen gegen mich hat er nach Aktenlage "im Sande verlaufen lassen". Er hat sogar Niederschriften über zwei Gespräche mit mir, die gar nicht stattgefunden haben, in meine Akte eingebracht, um sich nach oben zu rechtfertigen, weil seine Bemühungen  ohne Erfolg  geblieben sind. Trotz meiner Weigerung bin ich im wesentlichen unbeschadet aus der Misere heraus gekommen. Meine berufliche Karriere war aus anderen Gründen bereits vorher begrenzt. Zum Opfer bin ich erst nach der DDR  in der neuen Zeit geworden, als durch Verleumdung und Zersetzung eines Einwohners in gewohnter Stasi-Manier (MfS Reg.-Nr. XIV/832/86) das Gerücht gestreut wurdeder Gemeinderatsvorsitzende "sei bei der Stasi gewesen, denn er habe schon zu DDR-Zeiten eine Funkstation zu Hause gehabt".  Diese Argumentation ist haltlos, aber ein ausgezeichnetes Saatgut für Zweifel. Hilfreich war die Verleumdung, weil mir die Stasi-Unterlagenbehörde sofort Einsicht in meine Stasi-Akte gewährt hat und ich bereits nach zwei Wochen die Dokumente im Gemeinderat auf den Tisch legen konnte. Zu den schönsten Zeugnissen in meinem Leben zählt das mir von der Stasi ausgestellte. Nicht jeder kann so etwas vorweisen.

Aber weil nach der Wende bezüglich der Stasi-Vergangenheit bis in die Spitzenpolitik sich nichts als unmöglich erwies, hatten Zweifel ein zähes Leben. Die Stasi hatte alle politischen Gruppierungen mit geheimen Informanten durchsetzt, wie eine Krebsgeschwulst, die ihre Metastasen im gesamten Volkskörper angesiedelt hat. Man erinnert sich: Neben Helmut Kohl auf der Wahlkampfveranstaltung in Magdeburg stand im März 1990 Wolfgang Schnur: "Hier steht der künftige Ministerpräsident der DDR". Er  war  Spitzenkandidat des Demokratischen Aufbruch und der DDR-CDU, aber auch seit 1965 als  IM "Torsten" und  IM "Dr. Ralf Schirmer"  in höchsten Kirchengremien für die Stasi tätig. Wahrscheinlich war das selbst der Stasi zu dreist und sie hat ihn drei Tage vor der Wahl am 18. März 1990 fallen gelassen. Oder  Frontmann der DDR-SPD Ibrahim Böhme, seit 1969 als IM "Maximilian" und IM "Paul Bonkarz" als Stasi-Informant tätig. Es war eine verrückte und aufreibende Zeit, in der nichts  unmöglich schien.

Als engagierter Befürworter für das Bauvorhaben Gartenstadt-Nord  - um einen Teil dessen zu realisieren, was Bürgermeister Johannes Ebert gewollt hat - sollte 1993 Reimann aus dem Gemeinderat entfernt und der "Gemeinderat gekippt" werden, wurde in einer Versammlung der Gegner des Bauvorhabens verkündet. Dafür  gab es keinen Grund, aber 1994 war ich aus eigenen Erwägungen  nicht mehr bereit, meine Kraft weiter einzusetzen und erneut zu kandidieren. Tatsächlich ist die Fertigstellung von Gartenstadt-Nord durch den privaten Ankauf der Grundstücke für den Fertigbau  durch Einwohner - die ihr Häuschen im Grünen bereits erworben hatten -  für andere auf unabsehbare Zeit verhindert worden. "Jedenfalls haben wir unser Ziel erreicht", verlautete  dazu später. Und es stimmt tatsächlich: Nicht meine Nachfolger im Gemeinderat, sondern die Verhinderer haben ihr Ziel erreicht. Gartenstatd-Nord ist heute mit zwei stumpf endenden Straßen ein Torso und wird es noch über Jahrzehnte bleiben.

Dem Schriftsteller Klaus Behling aus Potsdam danke ich, dass  er die Geschichte über  meinen "Tanz" mit der Stasi unter dem Titel "Gegen den Strom" in sein Buch aufgenommen hat.

 

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von Klaus Gackstädter und Karlheinz Reimann,

geschrieben im Januar 2010  (1), aktualisiert im August 2016

Der   Chemnitzer    Stadtteil   Adelsberg    beging   im Jahr 2009 mit  einer Veranstaltungsreihe sein     75-jähriges  Bestehen unter diesem Namen. Florian Morgenstern vom Heimatverein Adelsberg blickte am Ende mit dem Resümee „Ein gelungenes Menü" auf das Festjahr zurück. Zum Vortrag über die Stasi in Adelsberg schrieb er: „Karlheinz Reimann servierte eine schwer verdauliche Kost, die so manchem noch heute im Magen liegen dürfte. Er beschrieb in seinem Vortrag die Zeit des stabilen Grauens in Adelsberg und blickte hinter so manche Tür auf dem ehemaligen Stasi-Gelände. Dass die Menschen mit diesem Thema nicht abgeschlossen haben, zeigte die überfüllte Kirche an diesem Abend". (2)

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von Karlheinz Reimann,

geschrieben im Januar 2014

Im September 1966 wurde in Moskau auf der Ausstellung „interorgtechnika" von Robotron die erste moderne EDVA im RGW-Bereich, ein Konstruktionsmuster des Systems R300, mit einer großen Palette peripherer Geräte zum ersten Mal gezeigt. Auch zum großem Erstaunen von Spezialisten anderer Firmen der BRD und aus dem westlichen Ausland trotz  der bestehenden Embargobedingungen. R300 war ein volltransistorisierter Rechner der zweiten Generation nach IBM/1400-Architektur mit ausgereifter Gefäßkonstruktion, gewickelter Rückverdrahtung (wire-wrap), Flachkabelverbindungen und vergoldeten Steckkontakten. Der Rechner war robust und zuverlässig, er lief, lief und lief ... mancherorts noch bis 1990. Er war in der Rechentechnik der DDR das, was anderenorts im Autosektor der VW Käfer war. „Bis 1970 wurden 351 Anlagen für Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung der DDR produziert", weiß Rolf Kutschbach, der damals federführend an Marktanalyse und Konzeption des Systems gearbeitet hat, aus dem Stegreif. R300 war eine große Gemeinschaftsleistung, an der weit über einhundert Ingenieure, Mathematiker, Konstrukteure und Mitarbeiter im Musterbau, darunter auch viele Frauen (wodurch sie auch erhöhte Rentenanrechte erworben haben), in verschiedenen Betrieben beteiligt waren, mit der die Rechentechnik und elektronische Datenverarbeitung in der DDR auf ein völlig neues Niveau gehoben wurden. Dieses komplexe System war aber auch eine große Herausforderung hinsichtlich der Überleitung der Entwicklung in die Produktion in neu errichteten Fertigungsstätten mit neu eingestelltem Personal, vor allem in Dresden. Bei Robotron in Karl-Marx-Stadt war Günter Bezold einer der führenden Organisatoren für diese nicht selten komplizierten Prozesse.

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von Karlheinz Reimann,

geschrieben im Februar 1991, überarbeitet im November 2013.

Der Absatz über  Perpetua Uhlig wurde im Oktober 2016 eingefügt, wofür Alexander Uhlig nach Einsicht in die Stasi-Akten  sowie aus persönlichen Unterlagen der Familie den derzeit vorliegenden Erkenntnisstand zum mysteriösen Tod seiner Schwester beigetragen hat.

Kurt Wetzel, Jahrgang 1919, hat in sechs Kriegsjahren dem Tod viele Male ins Auge geblickt. Vor allem an der Ostfront hat er Grausamkeiten von ungeheurem Ausmaß gesehen. Zweifellos hat dies den jungen Mann stark geprägt. Über vieles in der Welt zwischen Himmel und Erde hat er nachgegrübelt, und in so mancher Verzweiflung im Krieg hat er Kraft geschöpft aus seinem tief verwurzelten Glauben als Christ. Er hatte Glück und kam unversehrt aus dem Krieg zurück. Der Hunger im Land während der Nachkriegsjahre war groß und allgegenwärtig. Aufgewachsen in der elterlichen Landwirtschaft, wollte er die Tradition fortsetzen, wieder einen Landwirtschaftsbetrieb aufbauen und diesen mit Tatkraft und Kreativität betreiben. Er hatte sich viel vorgenommen, aber manches kam ganz anders, als er sich vorgestellt hatte.

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von Karlheinz Reimann,

geschrieben im Dezember 2010 (nach persönlichen Aufzeichnungen von 1991)

Manfred Beyer (Name geändert) lebt mit seiner Frau und der heranwachsenden Tochter in  einem Städtchen im Vogtland. Er hat sein Hobby - das Fotografieren - zum Beruf gemacht. Mit der Arbeit bei der DEWAG verdient er sein Einkommen und ist damit eigentlich zufrieden. Auch in seiner Freizeit geht er seiner Leidenschaft nach, längst hat er seine künstlerischen Ambitionen entdeckt. Er ahnte damals nicht, dass sich später sein Leben dramatisch ändern wird, weil er durch das Fotografieren in eine Erpressung durch die Staatssicherheit gerät.

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