von Karlheinz Reimann,  geschrieben im September 2019

 

Das Jahr 1989 war in der DDR ein sehr bewegtes Jahr mit bis dahin nicht vorstellbaren Ereignissen. Die Bewegung ging zunehmend von den Bürgern aus, während die Führung von Partei und Staat immer mehr in Sprachlosigkeit und Erstarrung verfiel. Die angeordnete Wahlfälschung zu den Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 wollten viele Bürger nicht mehr ohne Widerspruch hinnehmen. Die Zahl der Ausreiseantragsteller stieg im Sommer 1989 sprunghaft an. 

Einen Ausreiseantrag zu stellen war  eine Zäsur für die ganze Familie. Mit der Abgabe des Antrags wurden die Familienmitglieder zu Staatsfeinden erklärt. Es begann die Ausgrenzung durch staatliche Stellen, oft auch mit Konsequenzen für den Arbeitsplatz, für die Kinder die Stigmatisierung in der Schule mit Konsequenzen für ihre Ausbildungschancen. Wenn nach in der Regel mehrjähriger Wartezeit der Antrag endlich genehmigt wurde, musste die Familie innerhalb von Stunden die DDR verlassen. Das meiste Hab und Gut ging verloren, zehn Pakete pro Person waren mitzunehmen erlaubt, das eigene Häuschen musste vorher zum in der DDR üblichen Spottpreis verkauft worden sein. Es war ein Abschied von Eltern, Geschwistern und Freunden auf Lebenszeit. Die Ausreise hatte eine Ähnlichkeit mit einem  tödlichen Unglücksfall einer ganzen Familie. Mancher Ausgereiste hat Mutter und Vater in der DDR niemals wieder gesehen. Trotz allem sollen 1989  ca.150.000 Ausreiseanträge anhängig gewesen sein. Ein Sohn, die Schwiegertochter und die vierjährige Enkelin von uns waren im Sommer 1989 auch darunter.

Wer das nicht wollte oder konnte, musste sich in der DDR einrichten, so gut es ging. Man kann 40 Jahre Leben der Menschen in der DDR nicht auf Stasi, Knast und Mauer mit Minenfeld  und Schießbefehl reduzieren - so unvergessen menschenverachtend diese Umstände und der chronische Mangel an vielem waren - und ihre Biografien abwerten, weil sie ihr Leben auch unter diesen Umständen gestalten mussten. Das Leben war vielfältiger, die kreativen Menschen haben nicht ohne Erfolg versucht, für sich das Beste daraus zu machen. Die Teilhabe an kulturellen Werten wie Theater, Konzerten, Literatur oder Kunst war finanziell für jeden problemlos. Einige materielle  Vergünstigungen und besonders die Förderung junger Ehepaare seit Mitte der 1970er Jahre  wurden gern angenommen. Für die Einen galt es als Beweis für die Überlegenheit des Sozialismus, für die Anderen war es ein Trostpflaster in der inneren Emigration.

 

Speisenkarte

Speisenkarte des Interhotel Berolina in Ost-Berlin 1969. Preise in Mark/DDR.  Das Durchschnittsbruttoeinkommen bei Vollzeitbeschäftigung in der DDR 1970 betrug 755 Mark/DDR (Statista 2019). Wer im Westen 1 DM in 10 Mark/DDR umgetauscht hatte, konnte sich hier zum Spottpreis toll und voll essen. In der Küche arbeitete das Personal für vielleicht 500 Mark/DDR im Monat.   ( Bild Karlheinz Reimann )

 

Mit vielen Subventionen des Grundbedarfs (Wohnung, Lebensmittel, Kinderbekleidung, Energie, öffentlicher Personenverkehr) und einem nahezu unkündbaren Arbeitsplatz hatten Arbeiter und Angestellte auf niedrigerem Lebensniveau gegnüber der BRD eine beachtliche soziale Sicherheit, weil bei der geringeren Automatisierung – die Produktivität betrug damals 40% im Vergleich zur BRD - jede Arbeitskraft dringend gebraucht wurde. Um diese gut auszubilden, war das 10-Klassen-Schulsystem für alle auf einem hohen Niveau. Ein Abitur in Rostock, Dresden oder Erfurt abgelegt war bei jeder Studienbewerbung von gleichem Wert. Mit Stipendien (ohne Rückzahlung) besonders für weniger bemittelte oder kinderreiche Familien war um den Preis politischer Loyalität ein finanziell sorgenfreies Studium an Hochschulen und Universitäten möglich. Weil auch jede Frau und Mutter als Arbeitskraft dringend gebraucht wurde, gab es in der DDR so viele Kita-Plätze und Schulhorte wie sonst nirgendwo. Die Kinder wurden in der Kita von 6 Uhr bis 18 Uhr mit voller Verpflegung für 1 Mark/DDR pro Tag gut betreut. Besondere Förderung genossen auch junge Ehepaare, ihre zinslosen Kredite von 5.000 (später 7.000) Mark/DDR wurden mit 50 Mark/DDR pro Monat zurückgezahlt. Sie konnten aber auch „abgekindert“ werden. Für jedes erste Kind wurden 1.000 (für das zweite 1.500, das dritte 2.500) Mark/DDR geschenkt. Beginnend mit dem dritten Kind wurde so aus dem Kredit allmählich ein Guthaben. Diese verschiedenen sozialen Aufwendungen waren insgesamt auf Dauer mit der Wirtschaftskraft der DDR besonders in den 1980er Jahren nicht mehr zu finanzieren. Aber man wollte oder konnte sie wegen der politischen Brisanz auch nicht zurücknehmen. So geriet die DDR im Laufe der Zeit aus mehreren Gründen (auch Wohnungsbauprogramm mit nicht kostendeckenden Mieten, Rüstungsausgaben und Grenzregime) zunehmend in Verschuldung. Dazu kam, dass allein die DDR auch 45 Jahre lang Reparationen in verschiedener Form zur Wiedergutmachung der Verwüstungen und Verbrechen in der Sowjetunion während des Zweiten Weltkrieges aufgebracht hat, die vom gesamten Nazi-Großdeutschland (also auch Österreich) dort verübt worden sind. Allein die für die Sowjetunion abgebauten Uranvorkommen in Sachsen und Thüringen waren die drittgrößten Lagerstätten in der Welt. So war letztlich das Lebensniveau erheblich unter dem in der BRD geblieben, wo auch durch die Marshallplanhilfe der Wiederaufbau nach dem Krieg beschleunigt worden ist als Bollwerk gegen den Kommunismus.

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Wendezeit07

von Karlheinz Reimann,

geschrieben zum 3. Oktober 2015

Es gibt Tage, die in unvergesslicher Erinnerung bleiben, weil sie die Welt, aber auch die Biografie vieler Menschen entscheidend verändert haben. Ein solcher Tag ist für die Deutschen der 9. November 1989, an dem in einer strapaziösen und wunderbaren Zeit der Friedlichen Revolution in der DDR die seit 28 Jahren bestehende Mauer  nach der folgenschweren Verlautbarung von Politbüromitglied Günter Schabowski „Nach meiner Kenntnis … gilt das sofort, unverzüglich“ in Berlin  an der Bornholmer Straße von Demonstranten friedlich erstürmt wurde. Mit Freudentränen und Sektflaschen lagen sich Ost- und Westberliner in den Armen. Viele Millionen  Fernsehzuschauer in der Welt verfolgten ergriffen und ungläubig die Ereignisse in Berlin. "Wahnsinn" war das meist gebrauchte Wort dieser Nacht. An diesem Abend begann auch für die in der DDR eingesperrten Menschen  die unbeschränkte Reisefreiheit. Die weitere Entwicklung führte zur Wiedervereinigung des über 40 Jahre geteilten Deutschlands am 3. Oktober 1990. Für die inzwischen herangewachsene Generation sind Freiheit und Lebensbedingungen im Deutschland von heute ganz selbstverständlich. Für sie ist schwer vorstellbar, wie damals im östlichen Teil der Zustand des Landes  war und welchen Einschränkungen die Menschen dort ausgesetzt waren. Tatsächlich war das aber überhaupt nicht selbstverständlich, sondern ein Glücksfall der Geschichte. Manches stand bis zur Unterzeichnung des Zwei-plus-Vier-Vertrages am 12. September 1990 in Moskau auf Messers Schneide. Ohne die Zustimmung der Siegermacht Sowjetunion durch Michail Gorbatschow und das Drängen von George Bush senior, dass auch Margaret Thatcher und Francois Mitterrand zustimmen mögen, wäre die Wiedervereinigung nicht zustande gekommen. Dabei gab es bedingt durch die Verhältnisse in der Sowjetunion für die Wiedervereinigung Deutschlands nur ein begrenztes Zeitfenster.

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Karlheinz Reimann

am 9. November 2014, zum 25. Jahrestag des Falls der Mauer in Berlin

Es war ein langer Weg zu einem einheitlichen Deutschland Bismarcks. Auch nach der Teilung Deutschlands als Folge des verbrecherischen Zweiten Weltkrieges, über den Bau der Mauer in Berlin bis zum Fall dieser Mauer heute vor 25 Jahren. Die Wiedervereinigung Deutschlands danach wurde zu einem Glücksfall der Geschichte. Die Einheit Deutschlands ist auf gutem Weg, auch wenn sie noch Zeit, Unvoreingenommenheit und Optimismus der nachgeborenen Generation braucht. Gerd Mucke, 1997 Pfarrer in Rötha, blickt in einer sehr interessanten Geschichtsstunde auf Ereignisse dieser Zeit zurück. Sein „Wort zum Feiertag der Deutschen Einheit" hat zeitlosen Erinnerungswert. Weil Zukunft verantwortungsbewusst zu gestalten auch Erinnerung braucht.

Ich danke ihm herzlich für die freundliche Erlaubnis, seinen Beitrag  hier zu verwenden. Auch als Hommage für die evangelische Kirche, die im Herbst 1989 ermutigten Bürgern ein schützendes Dach für Versammlungen geboten und die Menschen bestärkt hat im Geist von Friedfertigkeit und Gewaltlosigkeit, wodurch die zahllosen Waffen des SED-Regimes nutzlos geworden waren. Die Führungskräfte von Partei und Sicherheitsorganen der DDR hatten an alles gedacht, waren auf alles vorbereitet, aber nicht auf Gewaltlosigkeit, Kerzen und Gebete. 

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von Karlheinz Reimann,

geschrieben im April 2006, zuletzt bearbeitet im Januar 2018


Dies ist die Geschichte des atemberaubenden Umbruchs in unseren beiden Dörfern Kleinolbersdorf und Altenhain am Stadtrand von Chemnitz in den ersten Jahren nach dem Mauerfall, wie sie sich so oder so ähnlich in vielen Ortschaften der überraschend implodierten DDR ereignet hat. Eine Geschichte von Bestandsaufnahme, anfänglicher Ratlosigkeit, Herausforderungen, Überraschungen, Schwierigkeiten und beachtlichen Erfolgen. Eigentlich nichts Besonderes, nur dass sie mit vielen Erinnerungen aufgeschrieben und als Historie gegen das Vergessen für Nachgeborene bewahrt wurde.

Über die Zeit vorher wird in der  "Chronik der Wendebewegung 1989 in Kleinolbersdorf-Altenhain" berichtet, wie bei uns im Herbst des Wendejahres alles begonnen hat.

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von Karlheinz Reimann,

geschrieben im April 2013

 

Unsere Kommunikation heute

Heute steht in Kleinolbersdorf-Altenhain für jeden Haushalt ein Telefonanschluss zur Verfügung. Man tastet am Apparat die gewünschte Rufnummer ein und kurz darauf meldet sich mit großer Wahrscheinlichkeit der Angerufene, egal ob es eine Arztpraxis in Chemnitz ist, die Verwandten in Frankfurt am Main oder die Freunde in Namibia sind. Dabei müsste es korrekt nicht Telefonnetz, sondern Kommunikationsnetz heißen. Denn beginnend in den neunziger Jahren wurde das Telefonnetz durch ISDN und DSL zum digitalen Multimedianetz aufgerüstet.

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