von Karlheinz Reimann,  geschrieben im September 2019

 

Das Jahr 1989 war in der DDR ein sehr bewegtes Jahr mit bis dahin nicht vorstellbaren Ereignissen. Die Bewegung ging zunehmend von den Bürgern aus, während die Führung von Partei und Staat immer mehr in Sprachlosigkeit und Erstarrung verfiel. Die angeordnete Wahlfälschung zu den Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 wollten viele Bürger nicht mehr ohne Widerspruch hinnehmen. Die Zahl der Ausreiseantragsteller stieg im Sommer 1989 sprunghaft an. 

 

Einen Ausreiseantrag zu stellen war  eine Zäsur für die ganze Familie. Mit der Abgabe des Antrags wurden die Familienmitglieder zu Staatsfeinden erklärt. Es begann die Ausgrenzung durch staatliche Stellen, oft auch mit Konsequenzen für den Arbeitsplatz, für die Kinder die Stigmatisierung in der Schule mit Konsequenzen für ihre Ausbildungschancen. Wenn nach in der Regel mehrjähriger Wartezeit der Antrag endlich genehmigt wurde, musste die Familie innerhalb von Stunden die DDR verlassen. Das meiste Hab und Gut ging verloren, zehn Pakete pro Person waren mitzunehmen erlaubt, das eigene Häuschen musste vorher zum in der DDR üblichen Spottpreis verkauft worden sein. Es war ein Abschied von Eltern, Geschwistern und Freunden auf Lebenszeit. Die Ausreise hatte eine Ähnlichkeit mit einem  tödlichen Unglücksfall einer ganzen Familie. Mancher Ausgereiste hat Mutter und Vater in der DDR niemals wieder gesehen. Trotz allem sollen 1989  ca.150.000 Ausreiseanträge anhängig gewesen sein. Ein Sohn, die Schwiegertochter und die vierjährige Enkelin von uns waren im Sommer 1989 auch darunter.

Wer das nicht wollte oder konnte, musste sich in der DDR einrichten, so gut es ging. Man kann 40 Jahre Leben der Menschen in der DDR nicht auf Stasi, Knast und Mauer mit Minenfeld  und Schießbefehl reduzieren - so unvergessen menschenverachtend diese Umstände und der chronische Mangel an vielem waren - und ihre Biografien abwerten, weil sie ihr Leben auch unter diesen Umständen gestalten mussten. Das Leben war vielfältiger, die kreativen Menschen haben nicht ohne Erfolg versucht, für sich das Beste daraus zu machen. Die Teilhabe an kulturellen Werten wie Theater, Konzerten, Literatur oder Kunst war finanziell für jeden problemlos. Einige materielle  Vergünstigungen und besonders die Förderung junger Ehepaare seit Mitte der 1970er Jahre  wurden gern angenommen. Für die Einen galt es als Beweis für die Überlegenheit des Sozialismus, für die Anderen war es ein Trostpflaster in der inneren Emigration.

 

Speisenkarte

Speisenkarte des Interhotel Berolina in Ost-Berlin 1969. Preise in Mark/DDR.  Das Durchschnittsbruttoeinkommen bei Vollzeitbeschäftigung in der DDR 1970 betrug 755 Mark/DDR (Statista 2019). Wer im Westen 1 DM in 10 Mark/DDR umgetauscht hatte, konnte sich hier zum Spottpreis toll und voll essen. In der Küche arbeitete das Personal für vielleicht 500 Mark/DDR im Monat.   ( Bild Karlheinz Reimann )

 

Mit vielen Subventionen des Grundbedarfs (Wohnung, Lebensmittel, Kinderbekleidung, Energie, öffentlicher Personenverkehr) und einem nahezu unkündbaren Arbeitsplatz hatten Arbeiter und Angestellte auf niedrigerem Lebensniveau gegenüber der BRD eine beachtliche soziale Sicherheit, weil bei der geringeren Automatisierung – die Produktivität betrug damals 40% im Vergleich zur BRD - jede Arbeitskraft dringend gebraucht wurde. Um diese gut auszubilden, war das 10-Klassen-Schulsystem für alle auf einem hohen Niveau. Ein Abitur in Rostock, Dresden oder Erfurt abgelegt war bei jeder Studienbewerbung von gleichem Wert. Mit Stipendien (ohne Rückzahlung) besonders für weniger bemittelte oder kinderreiche Familien war um den Preis politischer Loyalität ein finanziell sorgenfreies Studium an Hochschulen und Universitäten möglich. Weil auch jede Frau und Mutter als Arbeitskraft dringend gebraucht wurde, gab es in der DDR so viele Kita-Plätze und Schulhorte wie sonst nirgendwo. Die Kinder wurden in der Kita von 6 Uhr bis 18 Uhr mit voller Verpflegung für 1 Mark/DDR pro Tag gut betreut. Besondere Förderung genossen auch junge Ehepaare, ihre zinslosen Kredite von 5.000 (später 7.000) Mark/DDR wurden mit 50 Mark/DDR pro Monat zurückgezahlt. Sie konnten aber auch „abgekindert“ werden. Für jedes erste Kind wurden 1.000 (für das zweite 1.500, das dritte 2.500) Mark/DDR geschenkt. Beginnend mit dem dritten Kind wurde so aus dem Kredit allmählich ein Guthaben. Diese verschiedenen sozialen Aufwendungen waren insgesamt auf Dauer mit der Wirtschaftskraft der DDR besonders in den 1980er Jahren nicht mehr zu finanzieren. Aber man wollte oder konnte sie wegen der politischen Brisanz auch nicht zurücknehmen. So geriet die DDR im Laufe der Zeit aus mehreren Gründen (auch Wohnungsbauprogramm mit nicht kostendeckenden Mieten, Rüstungsausgaben und Grenzregime) zunehmend in Verschuldung. Dazu kam, dass allein die DDR auch 45 Jahre lang Reparationen in verschiedener Form zur Wiedergutmachung der Verwüstungen und Verbrechen in der Sowjetunion während des Zweiten Weltkrieges aufgebracht hat, die vom gesamten Nazi-Großdeutschland (also auch Österreich) dort verübt worden sind. Allein die für die Sowjetunion abgebauten Uranvorkommen in Sachsen und Thüringen waren die drittgrößten Lagerstätten in der Welt. So war letztlich das Lebensniveau erheblich unter dem in der BRD geblieben, wo auch durch die Marshallplanhilfe der Wiederaufbau nach dem Krieg beschleunigt worden ist als Bollwerk gegen den Kommunismus.

Die Menschen in der DDR sehnten sich nach Freiheit, nach Befreiung aus einer Zustimmungsdiktatur, und besonders seit dem Mauerbau am 13. August 1961, durch den die DDR zum größten Arbeitslager der Welt wurde, nach Reisefreiheit. Sie wollten für ihre aufopferungsvolle Arbeit die chronische Mangelwirtschaft nicht mehr ertragen. Zwei Jahre Wartezeit auf acht Quadratmeter Fliesen, zehn Jahre auf ein Auto oder 25 Jahre auf einen Telefonanschluss passten einfach nicht zur Lebenserwartung der Menschen in der DDR. Sie hatten keine Hoffnung mehr, dass sich das in ihrem Land jemals zum Besseren wenden könnte. Dazu die Verheißung von Erich Honecker 1989, dass unter den derzeitigen Bedingungen „die Mauer noch in 50 oder 100 Jahren bestehen werde“, wirkte wie Benzin ins Feuer gegossen. So erreichte im Sommer mit der Zuflucht Tausender Familien mit Hunderten von Kindern in die Botschaften der BRD in Prag, Budapest und Warschau die Flucht aus der DDR ein bisher nicht gekanntes Ausmaß. Die "Züge in die Freiheit", gemäß einer irrwitzigen Anordnung der SED-Führung über das Territorium der DDR geleitet, mussten an der Strecke und in Bahnhöfen durch Volkspolizei und Staatssicherheit abgeriegelt werden, weil viele Menschen noch „zusteigen“ wollten. Besonders am Hauptbahnhof in Dresden kam es am 4. Oktober zu schweren Gewaltübergriffen durch die Sicherheitsorgane und erheblichen Beschädigungen am Bahnhofsgebäude durch Demonstranten.

FP 021089r

Mitteilung der "Freie Presse" Karl-Marx-Stadt vom 2. Oktober 1989 über die Abschiebung  von Bürgern der DDR aus den Botschaften der BRD  mit den  "Zügen in die Freiheit" durch die DDR nach Hof  (zur besseren Lesbarkeit auf 150% vergrößern!)


In Berlin feierte am 7. Oktober die SED-Führung im Palast der Republik den 40. Jahrestag der DDR, während vor dem Palast die Sicherheitsorgane Tausende Demonstranten fernhalten mussten. Michail Gorbatschow verließ die Feier im Palast vorzeitig und kehrte voller Besorgnis über den Zustand der DDR nach Moskau zurück, auch weil die SED-Führung offensichtlich nicht mehr verstand, was das Volk bewegt. Während der sowjetische Geheimdienst KGB mit Massendemonstrationen in der DDR spätestens im Frühjahr 1990 rechnete, wurde der ahnungslose Westen von den Ereignissen völlig überrumpelt. In Karl-Marx-Stadt wurde die offizielle Veranstaltung am 7. Oktober im Luxor abgebrochen, als Künstler, unter ihnen Schauspieldirektor Hartwig Albiro, zeitkritische Texte verlesen wollten. Ein Schweigemarsch daraufhin von Demonstranten zur Zentralhaltestelle wurde hier eingekesselt und mit Schlagstöcken aufgelöst, ein Hubschrauber kreiste tief über den Demonstranten. Das wurde zum massenhaften Aufbegehren nun auch in Karl-Marx-Stadt.

Am 9. Oktober fand in Leipzig eine Demonstration von über 70.000 Menschen statt, auf der unüberhörbar skandiert wurde "Keine Gewalt", "Wir sind keine Raudis" und "Wir sind das Volk". Ein Großaufgebot von Volkspolizei, Staatssicherheit, Kampfgruppen und militärischen Einheiten war in den Seitenstraßen des Demonstrationsweges zusammengezogen worden. In Leipzig-Engelsdorf standen auf Straßen Panzer der NVA bereit. Kein westlicher Journalist hatte die Erlaubnis erhalten, in Leipzig anwesend zu sein. Zwischen Karl-Marx-Platz und Hauptbahnhof sollte der Zugriff auf den Demonstrationszug erfolgen. In Krankenhäusern wurden zusätzliche Blutkonserven vorgehalten. Die SED-Führung in Berlin hatte angeordnet, an diesem Tag "die Konterrevolution niederzuschlagen". Gerüchte kreisten, dass heute Schlimmes bevorstehen könnte.  Am Nachmittag wurde über den Stadtfunk wiederholt der dramatische Aufruf von Dirigent Kurt Masur, Leipziger Parteisekretären - die danach als Verräter abgestzt wurden -  und anderen zu Gewaltverzicht und Besonnenheit ausgestrahlt. Viele hatten große Angst und trotzdem versammelten sich am Abend so viele Menschen  im Zentrum der Stadt wie noch nie. Damit hatte die SED-Führung nicht gerechnet, sie wagte den Zugriff nicht, der "Befehl zur Eigensicherung übergehen" wurde ausgegeben. Der Abend  ging  glücklicherweise ohne Blutvergießen zu Ende. Die Demonstration war vom Turm der Reformierten Kirche - was auch passiert wäre - von den beiden Oppositionellen Siegbert Schefke und Aram Radomski heimlich gefilmt  worden. Ein Journalist des "Spiegel" brachte das Material  nach Westberlin. Noch mit den späten Abendnachrichten des Westfernsehens kamen erste Bilder  in die Wohnzimmer der ganzen DDR, waren als wichtigstes Ereignis in der Welt. Das war der Tag der Entscheidung, an dem erstmals die Macht der SED-Führung gebrochen wurde. Die Friedliche Revolution hatte an diesem Abend gewonnen. Das war der Anfang vom Ende der DDR. Am 18. Oktober wurde Erich Honecker von besorgten Genossen seines Politbüros entmachtet, auch um eine "Chinesische Lösung" in der DDR zu verhindern, die sehr wahrscheinlich zu einem Bürgerkrieg geführt hätte.


Die neue SED-Führung unter Egon Krenz begann mit einer Eröffnungsbilanz und musste nun eingestehen, dass die DDR wegen ihrer Verschuldung in den kapitalistischen Ländern unmittelbar vor ihrer Zahlungsunfähigkeit stand. Um 25 bis 30 Prozent sollte ab 1990 das Lebensniveau der Bevölkerung abgesenkt werden, um den Kapitaldienst für die ausländischen Banken zu erbringen. "Wodurch die DDR unregierbar würde" (Gerhard Schürer), heißt es da in der Geheimen Verschluss-Sache der Staatlichen Plankommission. Und Moskau wollte den Besserwissern in Berlin, die sich vom Reformkurs der UdSSR distanzierten, nicht mehr unter die Arme greifen. Am 7. November trat die Regierung der DDR zurück. Am 9. November kam es nach der grotesken Verlautbarung von Günter Schabowski im DDR-Fernsehen zum Fall der Berliner Mauer. Am 3. Dezember traten ZK und Politbüro der SED endgültig zurück. Am 4. Dezember wurden Stasi-Zentralen von Bürgerrechtlern besetzt, um die weitere Vernichtung von Akten zu verhindern.

Diese Entwicklung hat im Jahr 1989 viele Menschen geprägt wie in keinem anderen vorher. Die Einen entdeckten ihre Sprache neu, überwanden ihre Angst und lernten den aufrechten Gang, um sich selbst in die Gestaltung ihrer Zukunft in der DDR einzumischen, weil sie hierbleiben und das Land verändern wollten. Die Anderen sahen sich plötzlich mitten in einem ideologischen Trümmerfeld, irritiert und allein gelassen von ihrer Führung, auf die sie einen Eid geschworen hatten und auf deren Befehl sie eben noch auf das Volk eingeprügelt, Arbeiter, Frauen und Jugendliche misshandelt und "zugeführt" hatten. "Alles mit dem Volk, alles durch das Volk, alles für das Volk!" - was war aus diesem Leitmotiv der DDR geworden? Jetzt auch Knüppel und Knast? Besonders die Mitarbeiter der Staatsicherheit fühlten sich von der SED verraten. Sollten sie doch nun allein schuld sein an allem, was seit langem schief gelaufen war im Land und was sie im Auftrag der SED als deren Schild und Schwert getreulich ausgeführt hatten.

Vor diesem Hintergrund engagierten sich im Herbst 1989 nun auch in Kleinolbersdorf-Altenhain sehr viele Einwohner aktiv in der Wendebewegung:

7. Oktober 1989

Angesichts der bedrückenden Situation im Land und der dramatischen Ereignisse seit dem 4. Oktober 1989 am Hauptbahnhof in Dresden verweigern die Einwohner bis auf wenige Ausnahmen das Beflaggen ihrer Häuser zum 40. Jahrestag der DDR.
Erste Gespräche zur Organisierung politischer Aktivitäten unter Einwohnern mit Pfarrer Lothar Popp finden statt. Dabei wird von zwei Erkenntnissen ausgegangen:
1. Die Situation im Land betrifft nicht mehr nur die erheblich angewachsene Zahl ausreisewilliger Menschen, sondern betrifft alle. Bei den Demonstranten wird vor allem die Besonnenheit der älteren Generation benötigt. Die Demonstranten dürfen nicht als „jugendliche Randalierer" kriminalisiert werden.
2. Die politischen Aktivitäten müssen von den Städten auf das ganze Land ausgebreitet werden, um die Sicherheitskräfte des SED-Regimes zu verteilen und zu strapazieren. (Später berichten Polizisten und Stasi-Offiziere von ihrer physischen Erschöpfung durch ihren wochenlangen ununterbrochenen Einsatz.)

Woche vom 9. bis 13. Oktober 1989

Viele Einwohner nehmen an Veranstaltungen in Karl-Marx-Stadt in der Johanniskirche und in der Lutherkirche mit Bischof Forck teil und schöpfen Mut, sich politisch zu engagieren. Zugeführte Demonstranten berichten erstmals öffentlich über ihre Inhaftierung von einer Woche bei der Deutschen Volkspolizei und Staatssicherheit auf dem Kaßberg. Hunderte Teilnehmer in und um die Lutherkirche spenden Geld für Demonstranten zum Begleichen der verhängten Geldstrafen.

Donnerstag, 26. Oktober 1989

Erste Bürgerversammlung um 19:30 Uhr in der Kirche zu Kleinolbersdorf. Die handgefertigten Einladungsplakate des Neuen Forums werden in der Siedlung Kleinolbersdorf kurze Zeit nach ihrem Aushang abgerissen. Das Demokratieverständnis muss nach Jahrzehnten der „Diktatur des Proletariats“ – welch ein Euphemismus! - erst wieder erlernt werden. Trotzdem sind unerwartet viele Einwohner gekommen, die der Gemeindesaal nicht fassen kann. Pfarrer Lothar Popp hat vorsorglich die Kirche heizen lassen, die nun fast voll besetzt ist. Bürgermeister Schubert ist trotz persönlicher Einladung zur Enttäuschung vieler Einwohner nicht gekommen. Zu Beginn begrüßt Karlheinz Reimann auch ausdrücklich die Mitarbeiter der Staatssicherheit unter uns in der Kirche (was sich später als zutreffend erwiesen hat), um die Versammlungsteilnehmer bei ihren freimütigen Redebeiträgen auf diesen Umstand hinzuweisen.

Die Kirche sieht sich in der gegenwärtigen Situation als Vermittler zwischen den Bürgerinitiativen und den Organen des Staates. Dem Waffen- und Gewaltpotetial der Staatsorgane wird die absolute Friedfertigkeit und Rechtsstaatlichkeit der Bürger entgegen gesetzt. Später wird es heißen: Es war eine Friedliche Revolution unter Führung von Pfarrern und Rechtsanwälten, die Menschen in der ganzen Welt hat erstaunen lassen. Aber  später erfahren wir auch vom  bewunderswerten Mut, den viele Wegbereiter in oppositionellen Gruppen wie in Berlin oder Jena bereits seit den 1970er und Beginn der 1980er Jahre aufgebracht und die persönlichen Konsequenzen getragen haben. Es war ein langer Weg bis zum Wendeherbst 1989.

Verlesen wird ein Offener Brief von Karlheinz Reimann für die Zulassung des Neuen Forums und gegen die brutalen Rechtsverletzungen durch die Sicherheitsorgane der DDR in den ersten Oktobertagen, später auch gedruckt in der Tageszeitung „UNION" vom 7. November 1989. Eine sehr angeregte Diskussion zu vielen Fragen und Forderungen an die DDR-Führung findet statt. Demokratische Wahlen, Versammlungs- und Meinungsfreiheit, Rechtssicherheit für die Bürger, eine demokratische Erneuerung der Volksbildung und die Beseitigung von lokalen Missständen in unseren Dörfern werden gefordert. In den Meinungen der Einwohner dominiert die Vorstellung, dass die DDR in vieler Hinsicht reformiert werden muss. Die Abschaffung der DDR und Wiedervereinigung mit der Bundesrepublik stehen zu dieser Zeit nicht zur Diskussion, grundlegende Reformen in der DDR waren das Ziel. Der Ortschronist Hans Misterek fertigt das Protokoll.

Donnerstag, 9. November 1989 - Tag der Maueröffnung in Berlin

Es ist unsere zweite Bürgerversammlung um 19:30 Uhr in der Kirche zu Kleinolbersdorf. Wieder ist die Kirche voll besetzt wie sonst zu Heiligabend. Wieder gibt es angeregte Diskussionen unter den Einwohnern. Aber bereits jetzt wird zunehmend klar, dass sich die DDR in einer umfassenden und tiefgreifenden Krise befindet. Große Zweifel werden geäußert, "ob die DDR aus eigener Kraft überhaupt wieder auf die Beine kommen kann". Wieder ist Bürgermeister Schubert trotz persönlicher Einladung nicht zu seinen Einwohnern gekommen. Ein Demonstrationsaufruf von Karlheinz Reimann zur regelmäßigen Montagsdemo in Karl-Marx-Stadt wird verlesen und zur Vervielfältigung verteilt. "Wir wollen, dass alle von ihren Reisen gern wieder in dieses Land zurückkehren", heißt es darin. Gegen 21 Uhr kommt ein Einwohner (noch heute unbekannt, wer es war!) von zu Hause in die Kirche und ruft laut: „In Berlin ist die Grenze geöffnet worden!" Die Anwesenden sind von dieser unglaublichen Nachricht schockiert und ratlos, was das weiter zur Folge haben wird. Trotzdem wird die Versammlung wie vorgesehen zu Ende gebracht. Dann streben alle nach Hause, um sich über die dramatischen Ereignisse in Berlin zu informieren.
Von Emotionen überwältigt sehen wir im West-Fernsehen die Bilder dieser Nacht der Nächte: Hunderte Ostberliner strömen an der Bornholmer Straße in den Westsektor, vorbei an den DDR-Grenzern, denen das blanke Entsetzen im Gesicht steht. Ost- und Westberliner umarmen sich mit Tränen der Freude und Erschütterung, Sektflaschen kreisen. Wenig später stehen am Brandenburger Tor Berliner aus Ost und West gemeinsam auf der Mauer.

Unsere Versammlung fand statt an einem Tag, der in die Geschichte eingegangen ist als Tag der Erstürmung und des Falls der Berliner Mauer.

Hans Misterek fertigt wieder das Protokoll.

Wendezeit07

Aufruf zur regelmäßigen Montagsdemonstration von Karlheinz Reimann (damals ohne Namen verteilt!). Es war nur ein ganz kleiner Beitrag in später Zeit,  einer von vielen Tausenden. Er soll an das Denken der Menschen in diesen Tagen erinnern. Man konnte sich nun schon getrauen, auch Kinder zur Demo mitzunehmen, für deren Zukunft in Freiheit wir uns engagieren wollten. 

Als am folgenden Montag der Demonstrationszug vom Karl-Marx-Kopf kommend am Busbahnhof in die Georgstraße einbog, sperrte ein Volkspolizist den Verkehr und hielt demonstrativ eine brennende Kerze in seinen Händen. Er erhielt aus dem Demonstrationszug einen brausenden Applaus.  Es war  ein sehr bewegender Moment, die Volkspolizei nun auf Seiten der Demonstranten zu erleben.

Mitte November 1989

Bürgermeister Schubert hat zu einer Einwohnerversammlung in die Turnhalle Kleinolbersdorf eingeladen, die von den Einwohnern mäßig besucht wurde. Sind doch jetzt viele Einwohner unterwegs auf Reisen in den Westen. Andere haben keine Erwartungen mehr an Bürgermeister Schubert für konstruktive Veränderungen in unseren Dörfern. Er wirbt jetzt für einen Dialog mit den Einwohnern, nun aber ohne großen Erfolg. Wenige seiner Unterstützer sitzen im Präsidium. Vorschläge für die weitere Verfahrensweise sind nicht erhalten geblieben, auch weil kein Protokoll angefertigt wurde.

Mittwoch, 29. November 1989

Versammlung in der Turnhalle Kleinolbersdorf, vorwiegend zu Bildungsfragen in Schule und Kindergarten. Es geht um die Abschaffung von Fahnenappell, Pioniergruß, Staatsbürgerkundeunterricht in der Schule und Entfernung des Militärspielzeuges aus dem Kindergarten. Pfarrer Lothar Popp wirkt als tragende Säule der gesellschaftlichen Erneuerung in unserer Gemeinde, besonders bei der Demokratisierung von Schule und Kindergarten.

Sonnabend, 9. Dezember 1989 - Begehung des Bunkers auf der Dittersdorfer Höhe

Organisiert durch das Neue Forum versammeln sich um 9 Uhr ca. 100 Bürger vorwiegend aus Dittersdorf, Kleinolbersdorf, Altenhain und Einsiedel vor dem Gelände des Bunkers auf der Dittersdorfer Höhe und wollen wissen, was es mit diesem streng geheimen Bauvorhaben auf sich hat. Weiteres dazu im Beitrag „Der geheime Bunker auf der Dittersdorfer Höhe“.

Mittwoch, 20. Dezember 1989

Bürgermeister Schubert hat eine Gemeinderatssitzung anberaumt, um sich ausschließlich mit einem Brief von Herrn Reimann an den Bürgermeister auseinanderzusetzen, in dem die über Jahre andauernden Missstände in unseren beiden Dörfern beklagt werden. Dabei musste er zur großen Überraschung seiner Gemeinderatsmitglieder eingestehen, dass er als unser Bürgermeister  persönlich mit einer Pistole ausgestattet war. Er war eben nicht nur ein gewöhnlicher Bürgermeister, sondern auch Wissensträger über das geheime Bauvorhaben vor dem Adelbergturm. Die Sitzung endet damit, dass Bürgermeister Schubert mit sofortiger Wirkung sein Amt hinschmeißen wollte. Das wurde jedoch abgelehnt, weil künftig Bürgermeister nicht mehr wie bisher von der SED oder Stasi „eingesetzt“, sondern von den Einwohnern demokratisch gewählt werden. So musste Bürgermeister Schubert noch bis zur ersten demokratischen Wahl bei uns seit 1933 am 18. März 1990 sein Amt weiterführen.

 

Resümee:

Die DDR war gegen Jahresende 1989 wirtschaftlich am Ende und stand vor der Zahlungsunfähigkeit ihrer ausländischen Schulden. Sie war politisch am Ende, weil das Volk das Vertrauen in die bisherige Staatsführung restlos verloren hatte und weil die Menschen die vielfache brutale Gewaltanwendung gegen das eigene Volk nicht hinnehmen wollten. Das Land war ökologisch schwer geschädigt durch jahrelangen schonungslosen Umgang mit der Natur, ausgebliebene Investitionen auch im Bereich Naturschutz und Umwelt und besonders durch den jahrzehntelangen rigorosen Abbau von Uran für die Sowjetunion. Die Menschen hatten überwiegend keine Hoffnung mehr, dass ohne fremde Hilfe eine Zukunft mit vergleichbarem Lebensniveau wie in der BRD gestaltet werden kann. Die DDR war aus eigener Kraft nicht mehr zu retten. Hans Modrow, damals Ministerpräsident der DDR, sprach angesichts dieser Realität von der Möglichkeit „konföderativer Strukturen zwischen der DDR und der BRD“. Am 19. Dezember in Dresden auf einer durch Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer improvisierten Kundgebung vor der Ruine der Dresdener Frauenkirche wiederholte Helmut Kohl seinen 10-Punkte-Plan und versprach „wir lassen unsere Landsleute im Osten nicht im Stich“. Aus dem Slogan „Wir sind das Volk“ wurde nun „Wir sind ein Volk“. Bei vielen Menschen keimte jetzt die Hoffnung auf die Einführung der DM in der DDR und die Wiedervereinigung Deutschlands auf. Weihnachten, diesmal besonders als Fest des Friedens, und das Jahresende 1989 begingen die Menschen in der DDR mit besonderer Dankbarkeit an alle, die zum friedlichen Verlauf des Jahres ohne Blutvergießen beigetragen hatten und mit ein wenig Stolz auf das Erreichte. Auch um nach vielen strapaziösen Wochen Kraft zu sammeln für den Weg, der noch vor uns lag. Die Stasi besaß noch immer Waffen! Die Bürgerbewegung musste ab Jahresbeginn 1990 mit unverminderter Kraft fortgesetzt werden.

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Demonstration am 15. Januar 1990 in Chemnitz          ( Fotografie von Michael Backhaus, Chemnitz, mit freundlicher Genehmigung für die "Chemnitzer Geschichten" )