von Karlheinz Reimann,

geschrieben im Februar 2016  (autorisiert von Prof. Dr. Kurt Biedenkopf)

Die Errichtung des Freistaates Sachsen, der Aufbau demokratischer, rechtsstaatlicher Strukturen, die ökologische und wirtschafliche Entwicklung des neuen Bundeslandes nach dem Ende der DDR liegen nun ein Vierteljahrhundert zurück. In historischen Zeiträumen nur ein Wimpernschlag, aber gemessen an der Lebenserwartung eines Menschen etwa ein Drittel seines Lebens. Da erscheinen heute Ereignisse und Situationen von 1990 wie aus einem fernen Land und zeigen die enorme Wegstrecke, die seitdem zurückgelegt worden ist. 

„Als im Herbst 1989 die Mauer fiel, war dies vor allem dem Mut der Menschen in der DDR zu verdanken. Zugleich wurde aber auch schmerzlich klar, wie wenig die westdeutsche politische Klasse von den Verhältnissen in der DDR wusste“, resümiert Kurt Biedenkopf in seinem Tagebuch (1). Seine Aufzeichnungen, beginnend im Sommer 1989, beschreiben Aufbruch, Umbruch und Demokratisierung in der DDR, die Vereinigung des geteilten Landes, eine Zeit ungeheurer Dynamik und Veränderung, die der Politiker beobachtet, analysiert und später mitgestaltet hat.

 

Wegen Meinungsverschiedenheiten mit Helmut Kohl hatte Kurt Biedenkopf 1980 sein Bundestagsmandat niedergelegt und sich aus der Tagespolitik zurückgezogen. Aber seit Sommer 1989 faszinierte ihn zunehmend die Entwicklung in der DDR. Im Januar 1990 übernahm er eine Gastprofessur an der Universität Leipzig und hielt Vorlesungen über Volkswirtschaftslehre, wofür er sich auch ein Wörterbuch der „Ökonomie des Sozialismus“ beschaffte, um besser auf die bisherige Gedankenwelt seiner Studenten einzugehen. Durch seine häufigen Reisen in den Osten lernte er die Verhältnisse dort immer besser kennen. Zum ersten Entwurf des Vertrages über die Wirtschafts- und Währungsunion nahm er – wieder als Querdenker - für Lothar de Maizière kritisch Stellung, was sich im unterzeichneten Vertrag in zahlreichen Verbesserungen für die östliche Seite niederschlug. Als ihn im Frühsommer 1990 die Ost-CDU bat, für Sachsen zur Verfügung zu stehen, nahm sich der Sechzigjährige Bedenkzeit, ob er sich diese Herausforderung aufbürden und sein Leben noch einmal von Grund auf ändern sollte. Sachsen zählte früher einmal zu den am weitesten entwickelten Ländern in Deutschland. Noch bis gegen Ende des Krieges hatte die Industrieproduktion je Einwohner in Sachsen auf höherem Niveau gelegen als später in den drei westlichen Besatzungszonen (2). Zur Potsdamer Konferenz 1945 wies die sowjetische Zone mit 488.000 Betrieben und nur 3,6 Millionen Beschäftigten einen weiter fortgeschrittenen Rationalisierungsgrad auf als die britische Zone (3). Jetzt aber war das frühere Sachsen politisch, wirtschaftlich und mit erheblicher Umweltbelastung durch die Industrie und Umweltzerstörung durch den Uranabbau in keinem guten Zustand. Doch peu à peu fand Kurt Biedenkopf Gefallen an einer solchen Perspektive. Freunde, wie Kurt Masur und Lothar Späth, rieten ihm zu. Auch wollte er sich nicht noch einmal als Konkurrent von Helmut Kohl aus der Politik verdrängen lassen wie 1979 in Kiel und in Nordrhein-Westfalen. Und schließlich waren da noch die Wurzeln der Familie Biedenkopf im Sächsischen Chemnitz. Im Jahre 1900 promovierte Großvater Biedenkopf, der damals als Lehrer in Chemnitz tätig war, an der Universität Gießen mit einer Arbeit über die Auswirkungen der Industrialisierung auf die Landwirtschaft im Raum Chemnitz. Der Vater Wilhelm Biedenkopf, 1900 in Chemnitz geboren, war hier als Diplomingenieur und Unternehmer tätig und wurde 1938 technischer Direktor der Buna-Werke, weshalb die Familie nach Schkopau bei Merseburg zog. Schließlich sagte Kurt Biedenkopf zu, für die CDU und als Ministerpräsident für Sachsen zu kandidieren. In sechs Wochen Wahlkampf lernte er alle kreisfreien Städte und fast alle Landkreise in Sachsen kennen, besuchte viele Betriebe und sprach mit vielen Menschen, die große Hoffnung auf ihn und seine Kompetenz setzten. Nicht selten begrüßten ihn Arbeiter im Betrieb mit dem Wahlplakat „Biedenkopf für Sachsen“ an ihrer Maschine.

Am 14. Oktober 1990 war Landtagswahl in Sachsen. Bei 73,3% Wahlbeteiligung wurden 53,8% der Stimmen für die CDU abgegeben, ein grandioses Ergebnis. Mit einem Vorschaltgesetz wurde zunächst aus den DDR-Bezirken Dresden, Leipzig und Chemnitz (in der DDR umbenannt in Karl-Marx-Stadt) der „Freistaat Sachsen“ errichtet. Als erster Ministerpräsident musste Kurt Biedenkopf nun eine Landesregierung bilden. Es war nicht einfach, in Sachsen dafür geeignete Persönlichkeiten zu finden. Bei den einen mangelte es an Kompetenz und Erfahrung, andere waren durch ihre politische Vergangenheit belastet oder hatten als politische Funktionsträger der DDR maßgeblich zum beklagenswerten Zustand des Landes beigetragen und waren deshalb den Wählern nicht zuzumuten. Kurt Biedenkopf kam als Helfer nach Sachsen, nicht als Sieger des Westens über den Osten. So entschied er sich überwiegend für Minister aus Sachsen und ordnete ihnen erfahrene Staatssekretäre aus dem Westen bei. Auch auf eine ausgewogene Vertretung der beiden wesentlichen Konfessionen in Sachsen, Protestanten und Katholiken, in der künftigen Staatsregierung legte er Wert. Ein Mitglied des Sächsischen Landtages erläuterte mir später: „Wir haben im Landtag drei wesentliche Fraktionen, die CDU in der Regierung, die SPD in der Opposition und dann noch die Fraktion Biedenkopf, die sich weder von alten noch von neuen Besserwissern auf der Nase herumtanzen lässt“. Das hatte der in Deutschland und USA promovierte Jurist, Politikwissenschaftler, Nationalökonom und frühere Rektor der Ruhr-Universität Bochum auch wirklich nicht nötig. Mit Kurt Biedenkopf als Ministerpräsident hat Sachsen von 1990 bis 2002 eine herausragend gute Entwicklung genommen. Es war das Beste, was den Menschen in Sachsen für den Neubeginn widerfahren konnte. Das Ende war allerdings auch von Querelen überschattet, bei denen im Ränkespiel der Politik vermeintliche oder kleine Fehler gegen echte und große Verdienste ins Feld geführt wurden. In der Politik endet geleistete Arbeit und Aufopferung nicht zwingend mit Anerkennung und zuweilen auch als weniger dankbare Angelegenheit.

Im Folgenden soll mit wenigen Streiflichtern aus dem Tagebuch Kurt Biedenkopfs von 1990 an heute längst vergessene Ereignisse und Situationen erinnert werden. Diese Auswahl, oft aus einem größeren Zusammenhang herausgelöst, kann nur ein sehr lückenhaftes Bild vermitteln. Um mehr Vollständigkeit und Authentizität zu erlangen, sollte man sich dem Buch selbst zuwenden.

4. April 1990
„Besuch in Schkopau im Bunawerk ... Ich betrat die Räume, in denen ich vor gut 45 Jahren zum letzten Mal war. Ich kam an einem der alten Schraubstöcke vorbei und hatte plötzlich eine Feile in der Hand und ein Stück Flacheisen im Schraubstock. Es war kaum noch ein Unterschied zu damals, nur dass ich eben 45 Jahre älter bin.
Das Werk selbst ist zum Teil in einem beklagenswerten Zustand. Nur weniges ist neu, das meiste noch so, wie es zu meiner Zeit war. Die älteren Anlagen sind vielfach geflickt, provisorisch umwickelte Rohre überall, kaum noch befahrbare Straßen im Werk, Gleise wie bei einer Feldeisenbahn, riesige Mengen von Güterwagen, die zum Teil als Lagerraum dienen.
Karl Heinz Saalbach, der Generaldirektor, erläuterte, wie man sich auf die Umstellung vorbereitet. Wenn er keine Unterstützung von außen erhält, muss er von 18.000 Menschen im Werk Schkopau rund 15.000 entlassen. Die Integrationstiefe muss abgebaut, die Karbidöfen müssen stillgelegt werden. Zahlreiche Produkte sind zwar wettbewerbsfähig, aber in der Herstellung zu teuer.“

8. April 1990
„Gestern Nachmittag war ich Gast einer Veranstaltung, zu der der Verband der Einzelhändler aus Stadt und Kreis Leipzig eingeladen hatte. Meine Rede war – wie jetzt immer häufiger – den Problemen des Übergangs von der Planwirtschaft mit ihren Zwängen zur Marktwirtschaft mit ihren Chancen und Risiken gewidmet. Die Einzelhändler sind voller Sorge. Sie befürchten, dass sie im Zuge der Verwirklichung der Wirtschaftsunion von den modernen Einzelhandelsstrukturen, insbesondere den Ketten und Großunternehmen, schlicht überrollt werden. Die Struktur des Einzelhandels in der DDR entspricht in etwa der in der Bundesrepublik in den fünfziger und sechziger Jahren. Es hat praktisch keine Modernisierung stattgefunden …

Freitagnachmittag meine erste umweltpolitische Rede auf der ersten deutsch-deutschen Umweltkonferenz in der Leipziger Oper. Die Umweltschäden sind unvorstellbar, vor allem im Raum südlich von Leipzig. Die Luft ist so belastet, dass ich bei ungünstigem Wetter nicht mehr als zwei Stunden Vorlesung halten kann. Dann lässt mich meine Stimme im Stich. Auch hier wird dringend Hilfe gebraucht.“ (Ältere Autofahrer erinnern sich noch gut, wie sich bei Espenhain Sicht und Sonne in den Abgasschwaden der Kokerei verfinsterten. Mölbis galt als das schmutzigste Dorf Sachsens. Hier aufwachsende Kinder litten verstärkt unter Atemnot und Hautekzem, sie wurden später auch in einer Kinderklinik in Nürnberg behandelt. Die Produktion hatte in der DDR Vorrang vor allem. K.R.)

26. April 1990
„An de Maizière schicke ich heute den folgenden Vermerk zum „Arbeitspapier für die Gespräche mit der DDR“: „Der Gesamtduktus des Arbeitspapiers ist problematisch. Die Vereinigung Deutschlands wird nicht als historische Aufgabe gesehen, die von allen Deutschen gemäß ihren unterschiedlichen Kräften gemeinsam zu lösen ist, sondern als Aufgabe der DDR-Deutschen, die von den BRD-Deutschen in sehr begrenztem Umfang Unterstützung erhalten sollen. Vom Geiste, „die Teilung durch Teilung zu überwinden“, ist praktisch nichts zu spüren. Vielmehr soll die Bundesrepublik von allen Belastungen nach Möglichkeit freigestellt werden.
Diese Betrachtung ist ausgesprochen kurzsichtig. Entweder muss die Bundesrepublik die Rechnung nach der Vereinigung begleichen, oder der östliche Teil der künftigen Republik Deutschland bleibt auf Jahrzehnte hinaus ein benachteiligtes Gebiet. Die Grundtendenz des Entwurfs muss deshalb modifiziert werden.“ (Es folgen viele detaillierte Änderungsvorschläge für den künftigen Vertragsentwurf. K.R.)

7. Mai 1990
„Gestern wählten die Sachsen zum ersten Mal in freier und geheimer Wahl ihre Kommunalparlamente. Mit 44,6% wurde die CDU auch stärkste Kommunalpartei. In Dresden und Chemnitz stellt sie mit Herbert Wagner und Dieter Noll die Oberbürgermeister, in fast allen Städten und Dörfern des Landes die Bürgermeister und in allen Landkreisen die Landräte. Die SPD kam im ganzen Land nur auf 14,7%, konnte sich aber in Leipzig mit Hinrich Lehmann-Grube durchsetzen … Die Menschen wollen keinen Sozialismus mehr. Sie wollen die Wirtschaft des Westens, die soziale Marktwirtschaft … Vor einem Jahr konnte die SED die Kommunalwahlergebnisse noch fälschen.“ (Allerdings hat Chemnitz mit den ersten beiden Oberbürgermeistern, Dr. Noll aus Düsseldorf und Dr. Pilz aus Chemnitz, beide CDU, beim Aufbau der Stadt viel Zeit verloren. Erst mit Oberbürgermeister Dr. Peter Seifert aus Chemnitz, SPD, begannen sich im Stadtbild augenscheinlich viele Baukräne zu drehen. K.R.)

13. Mai 1990
„Während der anschließenden Diskussion gebe ich dem DDR-Fernsehen ein Interview. Man hat sich aus meinem Vortrag besonders für den Gedanken interessiert, dass sich die Bevölkerung in der DDR an mehr Ungleichheit gewöhnen muss und dass ihr ein „Kulturschock“ ins Haus steht. Besonderes Vergnügen hatte den Synodalen am Tag vorher mein Wortspiel mit dem Begriff „Arbeitsmoral“ bereitet. Ich hatte darauf hingewiesen, dass es sich bei der angeblich schlechten Arbeitsmoral der DDR-Bevölkerung weniger um ein moralisches Problem handele, als um eine Gewohnheit, die als Folge planwirtschaftlicher Misswirtschaft und Fehlorganisation entstanden war, auf die man aber nicht gerne verzichten wolle … Die Reaktion der DDR-Teilnehmer hat mir gezeigt, dass sie für eine solche Betrachtung dankbar sind. Sie nimmt ihnen das Stigma einer angeblich faulen Bevölkerung und liefert für die Verhaltensweise eine Erklärung, mit der sie leben können.“ (Die Menschen in der DDR waren nicht faul, wenn sie während der Arbeitszeit einkauften, sie waren findig – im wahrsten Sinne des Wortes. Aber das hat sich später mit der Fülle des Warenangebotes schlagartig geändert. K.R.)

14. Mai 1990
„Ignaz Kiechle gibt in der Fraktionsvorstandssitzung einen interessanten Bericht über die Umstellungsprobleme der DDR-Landwirtschaft. Bemerkenswert ist, dass im Agrarbereich rund 800.000 Menschen beschäftigt sind, das heißt zehn Prozent der Erwerbstätigen in der DDR. Etwa 400.000 müssten entlassen werden, wenn die ostdeutsche Landwirtschaft überhaupt eine Chance haben sollte, kostendeckend zu produzieren. In den Verhandlungen habe sein DDR-Kollege Peter Pollack vorgetragen, man brauche für die Umstellung jährlich rund 17 Milliarden DM. Finanzminister Waigel  habe sich  bisher mit einem Betrag  von  rund  7 Milliarden DM angefreundet … Da die Kosten in der Landwirtschaft größer sein werden als in der Industrie, ergibt sich auch hier eine Bestätigung für den von mir schon im Februar geschätzten Betrag von rund 80 Milliarden DM.“

2. Juli 1990
„Erster Tag nach der wirtschaftlichen Wiedervereinigung. In der Nacht von Samstag auf Sonntag haben die Menschen in der DDR gefeiert, nicht nur den Wechsel von DDR-Mark zu D-Mark und die Herstellung der vollständigen Freizügigkeit, sondern ein wenig auch schon die Einheit. Die Ostdeutschen werden die neue Währung schnell als ihre eigene akzeptieren.“

11. Juli 1990
„Wir treffen uns in Potsdam auf Einladung von Bischof Forck zu dem seit längerem geplanten Meinungsaustausch über den bisherigen Verlauf der wirtschaftlichen Integration der beiden deutschen Staaten … Zu Beginn hören wir zwei Situationsberichte, die zeigen, dass die psychologische Situation in der DDR sehr uneinheitlich ist. Die Kirche, so lautet ein Fazit, muss sich der zu kurz gekommenen Wahrheiten annehmen. Bisher dachte man vom Ich zum Wir. Jetzt breite sich der Individualismus aus. Der Einigungsprozess verkümmere, wenn er auf die ökonomische Dimension reduziert werde. Die Kirche müsse sich vor allem den bisher vom DDR-System überzeugten Menschen zuwenden, die mit dem Marxismus innerlich verbunden waren. Viele von ihnen seien sehr einsam ... Es wird appelliert, etwas von dem, was in der Revolution aufgebrochen ist an Elan und Idealismus, zu erhalten. Die Kirche müsse sich um diese Substanzen kümmern. Die Menschen, die die Revolution angestoßen hätten, seien heute weitgehend politisch isoliert.“

29. Juli 1990
„Gegenwärtig wird noch alles beherrscht vom Erfolg der Moskaureise Kohls. Die Zustimmung zu ihm als Kanzler war noch nie so groß wie zurzeit. Kohl hat mit Gorbatschow den Krieg und die Nachkriegszeit beendet. Deutschland hat die Unterstützung Russlands für seine volle Souveränität und sein Recht zugesichert erhalten, das Bündnis frei zu wählen. Wir können also in der NATO bleiben – einer veränderten NATO allerdings.
Auf dem Gipfel der Allianz Anfang Juli wurde die „Entfeindung“ der NATO-Strategie beschlossen und dem Osten eine Zusammenarbeit angeboten. Dieses Angebot hat Gorbatschow angenommen. Als Gegenleistung haben wir versprochen, die gesamtdeutsche Armee auf 370.000 Mann zu reduzieren, keine NATO-Truppen, auch keine deutschen, im bisherigen DDR-Gebiet zu stationieren, dieses Gebiet atomwaffenfrei zu halten, die sowjetischen Truppen noch vier Jahre zu dulden, für diese Truppen Leistungen zu erbringen, auch bei ihrer Rückführung zu assistieren, nach ihrem Abzug keine nichtdeutschen NATO-Truppen auf dem DDR-Territorium zu dulden, der Sowjetunion bei der Erneuerung ihrer eigenen Wirtschaft behilflich zu sein, und dies nicht nur durch Geld, sondern auch durch Experten … Später wird man einmal erkennen, dass Gorbatschow zu den Gewinnern dieser revolutionären Veränderung gehört und wir die wichtigsten Nutznießer dieses Gewinns sind.“

10. August 1990
„Nach dem Beitritt der DDR und den ersten gesamtdeutschen Wahlen werden wir wohl eine einmalige Situation erleben: Ein Fünftel der Bevölkerung unseres Landes in einem runden Drittel seines Territoriums hat einen wesentlich niedrigeren Lebensstandard, verfügt über wirtschaftliche und industrielle Einrichtungen von nachhaltig minderer Qualität, ist praktisch ohne funktionsfähige Verwaltung, ohne leistungsfähige Gerichte und so weiter. Aber sie sind Bürger des gleichen Landes unter der gleichen Verfassung. Sie können an die Mehrheit Ansprüche auf Anpassung ihrer Lebensverhältnisse stellen, ohne jedenfalls im öffentlichen Bereich den Nachweis eines entsprechenden Beitrages zum Bruttosozialprodukt zu erbringen. Die Unternehmen müssen beweisen, dass sie im Wettbewerb bestehen können. Im Falle ihres Scheiterns haben die Arbeitnehmer jedoch Anspruch auf Unterstützung durch die sozialen Systeme, von denen sie wiederum eine gerechte Teilhabe am ganzen Bruttosozialprodukt verlangen werden. Dabei werden sich die Gerechtigkeitsvorstellungen sehr schnell am Lebensstandard im Westen des Landes orientieren. Erst war es die D-Mark, zu der die Menschen reisen wollten, wenn sie nicht zu ihnen käme. Nun wird es der Wohlstand sein, den sie erwarten, wenn sie nicht zu ihm reisen sollen.“ (Allein seit dem Fall der Mauer bis Ende 1989 hatten 720.000 Menschen die DDR verlassen. K.R.)

12. September 1990
„Abends in Chemnitz … Wir haben uns im Chemnitzer Hof verabredet. Das sechzig Jahre alte Hotel hat seinen Namen nicht geändert. Als Chemnitz 1952 in Karl-Marx-Stadt umbenannt wurde, führte man im Hotel eine Betriebsversammlung durch: Zur Auswahl standen der alte Name, Hotel der Nationen und Karl-Marx-Hof. Die Belegschaft entschied sich für den alten Namen mit der Begründung, auch der Fluss, die Chemnitz, werde ja nicht umbenannt. Der Oberkellner, seit vierzig Jahren im Haus, erzählt die Geschichte mit Stolz.“

2. Oktober 1990
„Heute sind wir wieder in Sachsen zu mehreren Kundgebungen. Leider kann unser Flugzeug nicht rechtzeitig landen, so dass die Kundgebung in Annaberg ausfällt … Für den geplanten Betriebsbesuch in einem Unternehmen, das Elektroinstallationen herstellt, reicht es noch. Was mich dort am meisten beeindruckt, ist das Rehabilitationszentrum, das von einem jungen Meister geleitet wird. Es entspricht unseren geschlossenen Werkstätten für Behinderte, ist liebevoll ausgestaltet und gibt vielen behinderten Menschen unterschiedlichen Alters die Möglichkeit, durch die Verrichtung einfacher Tätigkeiten an der gesellschaftlichen Arbeit teilzuhaben...

Am späten Nachmittag fliegen wir nach Berlin. Dort ist eine ZDF-Sondersendung aus dem Reichstag aus Anlass der Verwirklichung der deutschen Einheit geplant … Alle, die sich im Reichstag versammelt haben, können sich der historischen Bedeutung der herannahenden Stunde nicht entziehen. Das Wetter ist hervorragend, ein klarer, vom Mond beleuchteter Nachthimmel.
Gegen 23:30 Uhr haben sich vor dem Reichstag Hunderttausende von Menschen versammelt, um den Augenblick zu erleben, in dem vor dem Reichstagsgebäude die bundesdeutsche Fahne gehisst wird ... Es kommt mir in den Sinn, dass vor 45 Jahren und wenigen Monaten Soldaten der siegreichen Sowjetarmee auf den Trümmern eben dieses Gebäudes die rote Fahne hissten, um damit den Sieg über Hitler-Deutschland zu verkünden. Jetzt, anderthalb Generationen später, dürfen wir am gleichen Ort miterleben, wie die deutsche Fahne langsam am Fahnenmast emporsteigt, die Menschen in Jubel ausbrechen, ein Feuerwerk die Stadt erleuchtet und die Deutschen ihre wiedergewonnene Einheit feiern.“

12. Oktober 1990
„Anschließend in Oelsnitz (im Vogtland K.R.). Im Kreis rumort es. Viele wollen, so wird behauptet, nicht bei Sachsen bleiben, sondern ins nahe gelegene Bayern. Der Landrat stammt aus Bayern und ist Mitglied der CSU. Ein Mann, der unter erheblicher Selbstüberschätzung leidet und nicht in die Landschaft passt. Er verbreitet viel Unruhe durch seine Bestrebungen, mehrere Kreise zusammenzulegen, aber auch durch seine Unterstützung der DSU und seine „Anschluss“-Überlegungen an Bayern.

Der letzte Wahlkampftag führt uns erneut nach Zwickau in das Automobilwerk Sachsenring. Nach einem Vortrag über die Zukunft des Werkes zeigt man uns die Endmontage des Trabi. Die Arbeit ist hart und nach unseren Vorstellungen streckenweise primitiv organisiert. Wenn man bedenkt, dass in den gleichen Fabriken vor sechzig Jahren eines der schönsten europäischen Autos entstand, der Horch, kann man erneut das Ausmaß des Rückstandes sozialistischer Betriebe ebenso ermessen wie die Distanz, die wir zurücklegen müssen, um die Folgen sozialistischer Wirtschaftsordnung zu überwinden.“

14. Oktober 1990
„Heute ist Wahltag in Sachsen. Das Wetter verwöhnt uns sehr, ein strahlender warmer Herbsttag. Dresden liegt im Sonnenlicht gebadet … Um 18:00 Uhr kam dann die Wahlprognose. Für die CDU wurden 56 Prozent vorausgesagt. Ein unglaublicher Erfolg. Die absolute Mehrheit war uns offenbar sicher … Die Leute stiegen auf Bänke und Tische, schwangen ihre Gläser, ließen uns hochleben und waren ganz einfach glücklich ... Wir hatten den Auftrag, das Land wieder aufzubauen.
Als wir uns am späten Abend zurückzogen, müde, aber glücklich und zufrieden mit dem Erfolg unseres sechswöchigen Einsatzes, wurde mir aber auch klar, dass jetzt die Verantwortung für dieses Bundesland auf meine Schultern gelegt worden war. Das Vertrauen der Menschen war riesig. Sie erwarteten von mir Leistungen, die wahrscheinlich niemand erbringen konnte. So würde es schon werden, wie ich in vielen Wahlreden vorausgesagt hatte: Es würde Demonstrationen und Proteste geben, Auseinandersetzungen und Widerspruch, Enttäuschungen und Verbitterungen. Aber am Ende der Wegstrecke würden wir alle mit dem Erfolg zufrieden sein. Gott gebe, dass es so wird.“

Quellen:

(1) Biedenkopf, Kurt „Von Bonn nach Dresden“ Aus meinem Tagebuch Juni 1989 bis
     November 1990, Siedler Verlag München 2015

(2) Müller, Uwe „Supergau deutsche Einheit“ , Seite 47, Verlag Rohwolt Berlin 2005

(3) Schabowski, Günter „Wir haben fast alles falsch gemacht“ Die letzten Tage der DDR,
    Seite 216, Ullstein Buchverlage Berlin 2009

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